UND DER HIMMEL IST WEIT

Film:

Das Dokumentar-Programm der 34. Duisburger Filmwoche öffnet den Horizont.

Bodenlos im Revier (»Zwei, drei Standorte«); Fotos: Duisburger Filmwoche

TEXT: ANDREAS WILINK


Es ist, als müsse die Natur das Ihre dazu tun, um menschliche Schwierigkeiten, Unzulänglichkeiten, Unausweichlichkeiten auszugleichen: Wolken am Himmel, die Ruhe einer Landschaft, Windräder, ein einsamer Baum, eine grüne Wiese, der stille Ozean. Und irgendwo scheint durch eine graue Nebelwand ein Regenbogen. Der »Horizont« – Leitmotto der Dokumentarfilmwoche Duisburg  2010 – öffnet sich. Der Blick der mehr inhaltlich gravierenden als formal originellen Wettbewerbsbeiträge sucht die Totale. Auch wenn sich die Wahrnehmung danach wieder verengt auf einen Ausschnitt – eine Kleinstadt bei Köln, Halden im Ruhrgebiet oder die Lebensgewohnheiten des Passer domesticus, des Hausspatzen.  

Kubaner sitzen am Meer, lachend, heiter – frei? »Soy libre« heißt der Film von Andrea Roggon über das Lebensgefühl in einem Land, dessen permanente Revolution in die Resigna-tion geführt hat. Bilder und Sprache fallen auseinander: alltägliche Beobachtungen und die Äußerungen der Leute, deren Gedanken frei sind, solange sie im Innern verschlossen bleiben und das ideologische Gebot nicht brechen. Es ist das Porträt einer von Beschränkung mürbe gewordenen Gesellschaft. Apathie und Trauer betreiben Raubbau am Menschen. Umso bewundernswerter jemand wie die junge Yoani Sanchez, die mit ihrem Blog Generación Y Fidels Projekt herausfordert. Das Bittere dieser von individuellen Äußerungen getragenen System-Analyse ist die Diskrepanz zwischen trotzig heiterer Gemütsverfassung und dem Druck des Regimes.

Ein trauriges Volkslied singt vom Aufbruch nach Norden, während ein Güterzug über die Schienen dieselbe Richtung nimmt. Zu den vier Himmelsrichtungen kommt noch eine hinzu: Sie liegt dort, wo hinter Mexiko die USA beginnen. Fridolin Schönwieses depri-mierender Report »Die fünf  Himmelsrichtungen« berichtet von zwei Illegalen, Maria Esther und Miguel, die ihre Heimat Tres Valles in Veracruz verlassen haben, um in Kansas City Geld zu verdienen. Sie halten sich mit lausigen Jobs über Wasser, Miguel telefoniert täglich mit seiner Familie und riskiert alle paar Jahre einen Besuch bei gefährlichem Grenzübertritt, Maria Esther hat nur Kontakt zu ihrem früheren Priester, der ihr Videobotschaften sendet, sonst aber alle Brücken abgebrochen, außer dass sie nostalgische Feiern für mexikanische Immigran-tenfamilien ausrichtet. Überschuldet, nicht in der Lage, die Miete ihrer schäbigen Unterkünfte zu zahlen, sinken sie stetig ins Elend ab. Fremde im Dickicht der Städte, Randexistenzen, die über das Heute nicht mehr hinausschauen, weil jede Perspektive Illusion wäre.

Was für eine Geschichte: Ein Fußballer aus Lagos, Torschützenkönig der Bundesliga, macht 2001 Schlagzeilen, als eine sich in seinem Eigentum befindliche Fähre Jungen und Mädchen für den Kinderhandel befördert hat. Die Karriere von Jonathan Akpoborie in Europa ist erst mal beendet: »Eine Lüge und alle schlagen dich ans Kreuz«, sagt er, und der Manager des VfL Wolfsburg: »Sein Marktwert war weg«, auch wenn er von dem Transport selbst nichts gewusst hatte. In »Das Schiff des Torjägers« befragt Heidi Specogna auch einige der damals von Benin, Mali und Togo nach Gabun zum Zweck der Ausbeutung verbrachten, von ihren Eltern aus Not weggegebenen Kinder, die von ihren Torturen berichten, aber dank internationaler Hilfsorganisationen gerettet wurden. Das Schiff, die Etireno, hatte Jonathan, das einstige Gettokind, nach seiner Mutter benannt. Die da unterwegs nach Gabun waren, hatten ebenfalls Hoffnung auf eine Zukunft, wie sie sich Jonathan Akpoborie geboten hat. Nur zu leicht kann die Balance des Glücks und des Unglücks brechen.  

Philip Scheffner nimmt die Vogelperspektive ein und betrachtet zwei Ereignisse, die am selben Tag stattfinden, ohne miteinander zu tun zu haben: Am 14. November 2005 wird ein Spatz im niederländischen Leeuwarden erschossen, der sich in ein Fernsehstudio verirrt hatte und dort in einer Kettenreaktion die für eine Show vorbereiteten 23.000 Dominostei-ne und damit fast die Sendung selbst zu Fall brachte. Weltweite Proteste folgten. Gleich-zeitig stirbt in Afghanistan ein deutscher Soldat bei einem Selbstmordanschlag. »Der Tag des Spatzen« – »ein politischer Naturfilm«, so die Jury des Hamburger Klaus-Wildenhahn-Preises – setzt beide Ereignisse in Beziehung und zieht aus der Asymmetrie Analogien.

In einer offenen essayistischen Form, deren subtile Botschaften an Alexander Kluges Methode …


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1.–7. November 2010, Filmforum am Dellplatz; www.duisburger-filmwoche.de

 

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