K.WEST Tipp: Juli/August 2010

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C.A.R.-SHARING

Medienkunstmesse auf Zollverein

Eine neue Kunstmesse im Ruhrgebiet? Da waren viele skeptisch. Aber sie hat sich bewährt: die »Contemporary Art Ruhr« auf Zollverein. Mittler-weile hat sich die C.A.R. sogar verdoppelt: im Herbst zum Forum für zeitgenössische Kunst aller Bereiche, im Sommer zur Medienkunst-Messe. Letztere steht nun wieder bevor, als offizieller Teil der Kulturhauptstadt. Dabei reicht das Spektrum dieses zum fünften Mal stattfindenden Kunstmarktes von der Videokunst über Installationen, multimediale Projekte, Lichtkunst, interaktive & Internet-basierte Arbeiten bis hin zu elektronischer Musik und Performance-Kunst.

Erstmals sind ausgewählte Künstler aus Kuba dabei, darunter die Fotografen René Peña, Alejandro González Méndez oder Eduardo Hernández Santos. Ebenso Premiere feiern Künstler und Galerien aus Ungarn auf der C.A.R. ihren Einstand – passend zum gegenwärtig überall in NRW stattfindenden Festival »Scene:Ungarn«.

Ein musealer Schwerpunkt der Messe dürfte die Ausstellungsvorschau auf »NAM JUNE PAIK. In Kooperation mit Tate Liverpool« sein, präsentiert vom Düsseldorfer museum kunst palast, das die Hommage an den Pionier der Video-Kunst im September ausrichtet.

C.A.R. will als Entdecker-Messe gesehen werden; besonders stolz sind die Veranstalter (die galerie/agentur 162) auf ihre offene Veranstaltungsatmosphäre ohne Kojen und mit einer gleich großen Präsentations- und Ausstellungs-Fläche für jeden Teilnehmer. | K.WEST   

2. bis 4. Juli 2010, Kokerei Zollverein, Salzlager und Mischanlage, Arendahls Wiese, Essen.

www.contemporaryartruhr.de

GEFESSELT ABER FREI

Theaterfestival »Promethiade« auf Zollverein

Prometheus ist, wie der Troja-Heimkehrer Odysseus, ein Schlauberger, listenreich und »vorausdenkend«, wie sein griechischer Name übersetzt lautet. Der Titan bekämpft die Herrschaft des Gegen-Gottes Zeus. Aber der Olympier rächt sich, indem er seinem Gegner, der den Menschen das Feuer zurück brachte und damit die Fackel der Freiheit entzündete, an einen Felsen im Kaukasus schmieden lässt, wo ihm täglich ein Adler – Zeus’ Wappentier – die Leber zerhackt, die dem Gequälten nächtlich nachwächst. Prometheus, Aufklärer und Wohltäter des Menschen, den er wo-möglich sogar geschaffen, zumindest geistig entwickelt und kulturell emanzipiert hat, ist ein europäischer und ein Europa verbindender Topos.

Daran knüpft das interkulturelle Theaterfestival »Promethiade« an. Ensembles aus Deutschland, Griechenland und der Türkei – mithin Ländern, die derzeit so ihre Probleme mit Europa und miteinander sowieso haben – befassen sich mit dem antiken Mythen-Stoff. Nachdem die drei Aufführungen auf dem Athens Festival und in Istanbul beim Kulturhauptstadt-Programm gezeigt wurden, kommen sie zum Abschluss auf das Welterbe Zollverein nach Essen als Teil der Ruhr.2010.

Die türkische Regisseurin und Autorin Sahika Tekand und die von ihr gegründete Gruppe The Studio Players bieten mit »Vergessen in zehn Schritten« provokant-spielerisch einen »Anti-Prometheus«, der sich ironisch mit einem systemkonformen Mittelstand beschäftigt, der seine revolutionäre Energie eingebüßt und Ideale abgelegt hat. Das Künstler-Kollektiv Rimini Protokoll (Helgard Haug & Daniel Wetzel) hat für die neueste Folge seines Reality Theaters 100 Athener Bürger gecastet, um mit Nachfahren der Urdemokraten an der Basis der Akropolis zu erörtern, was Prometheus heute noch bedeutet und was es mit dem inflationären Gebrauch des Begriffs »tragisch« in Zeiten der Dauerkrise  auf sich hat; das Ergebnis wird als Videodokument vorgestellt. Theodoros Terzopoulos (Regie) und der berühmte Plastiker Jannis Kounellis (Bühne) wiederum führen Aischylos’ »Prometheus, gefesselt« auf. |K.WEST  

Termine: »Anti-Prometheus«:

23. bis 25. Juli;

»Prometheus in Athen«: 31. Juli; »Prometheus, gefesselt«:

5. bis  7. August 2010.

Tickets: 0201/8122200.

 

KIRMES, LYRIK UND LICHTKUNST

Die »Local Heroes« im Juli und August

Die Kulturhauptstadt macht keine Sommerpause, und die »Local Heroes« erst recht nicht. Der Kulturmarathon im Revier und dessen Randlagen geht also weiter. Da wären im Juli: Castrop-Rauxel (4.7.-10.7.), Bochum (11.7.-17.7.), Hagen (18.7.-24.7.) und Oberhausen (25.7.-31.7.). Im August folgen dann Waltrop (1.8.-7.8.), Herne (8.8.-14.8.), Bergkamen (15.8-21.8.) und Schwerte (22.8.-28.8.).

Castrop Rauxel feiert die Lyrik mit den Twins-Projekten: »Castrop-Rauxel…ein Gedicht« und »Europe…a poem« des Autors Roy Kift. Bochum blickt mit Ausstellungen zurück in die eigene Stadtgeschichte und bindet das Musikfestival »Bochum total« im Bermuda Dreieck ins Programm ein. Hagen prunkt mit den Museen seines neuen Kunstquartiers und holt mit der umgestalteten Brücke »Ebene 2« in Altenhagen und einer Lichtinstallation von Geert Mul die Kunst auf die Straße. In Oberhausen gastiert internationales Figurentheaterfestival statt, und mit der Museumstour »Schlaf-los in Oberhausen« wird die Nacht zum Tag gemacht. In Herne steigt traditionsbewusst die 575. Cranger Kirmes, ansonsten findet man die »Local Heroes« auf dem »Kulturschiff Crange«. Die Künstlergruppe »kunstwerkstatt sohle 1« lädt in Bergkamen zum 40-jährigen Bestehen in die gleichnamige Galerie, während Schwerte seine lokalen Helden an das Ufer der Ruhr verlegt. Ob im Kulturzentrum »Rohrmeisterei« oder auf dem neuen Plateau in den Flussauen – hier gibt es Konzerte, Kunst und die Vorführung des Kult-Films »Bang Boom Bang«. | K.WEST   

www.ruhr2010.de

 

IRRITATIONEN AUF DEM LAND

Kunst und Leben im DA Kloster Gravenhorst

Kunst und Leben – das sind doch Gegensätze. Einerseits. Andererseits aber auch nicht, denn nicht erst seit der flämischen Stilllebenmalerei imitiert Kunst den normalen Alltag, um damit zugleich über ihn hinauszugehen. Was gestern auf dem Tafelbild geschah, geschieht heute bevorzugt im öffentlichen Raum. Und dass dieser Raum sich nicht nur auf Großstädte beschränkt, dafür sorgt das DA Kunsthaus Kloster Gravenhorst oben im Norden von NRW zwischen Ibbenbüren und Hörstel. Mit der Ausstellung »KUNST + Leben. Partizipatorische Kunst zwischen Autonomie und Intervention« etwa: Lebensnahe, oft auch polarisierende Themen bieten Anlass für künstlerische Aktionen. Kunst passiert dort, wo sie zunächst nicht vermutet wird: auf den Straßen, in Geschäften, Betrieben oder Vereinen, auf Bahnhöfen, in Fußballstadien oder in der Natur – also überall dort, wo Menschen sind. Eine hohe Mauer verstellt plötzlich nicht nur gewohnte Einblicke, sondern nötigt die Suche nach neuer Orientierung ab (Frank Bölter). Fotografische Architekturapplikationen und gemalte Ausstellungsansichten irritieren durch den Wechsel zwischen Fläche und Raum (Martin Brüger). Malerei greift in den Raum, verbindet und schafft ungewöhnliche Orte, die Geschichten erzählen (Cony Theis). Daneben werden im Wohnwagen auf der grünen Wiese kulinarische Rituale des Alltags hinterfragt (Ingke Günther und Jörg Wagner). Oder wie wäre es mit Videoarbeiten zu Lebensweisheiten und Gedankensplittern für den Denkantrieb (Michelle Adolfs und Petra Müller)? | K.WEST   

Ausstellung 11. Juli bis 29. Aug. 2010. Symposium 27. + 28. Aug. 2010. Tel. 05459/9146-0.

www.da-kunsthaus.de

 

AUSSICHT OHNE ZIMMER

Michael Sailstorfer gewinnt den Sparda-Kunstpreis NRW

»Non solo verde« heißt das Motto, unter dem am 2. Juli die Parkeinweihung im Essener Universitätsviertel steht. Was aber ist dieses Mehr, das die Eröffnung verspricht? Es ist ein Balkon aus der Gründerzeit, der in südliche Richtung zeigt. Davon soll es ja einige in Essen geben. Doch dieser ist einzigartig. Denn er ist in luftigen acht Metern Höhe angebracht und hängt ziemlich frei an einem Stahlgerüst. Eine Aussicht ohne dazugehöriges Zimmer also, auch ohne Haus, aber mit großzügigem Garten. »Sonnenseite« hat Michael Sailstorfer seine Skulptur benannt, mit der der 1979 in Velden geborene, mittlerweile in Berlin lebende Künstler den diesjährigen Sparda-Kunstpreis NRW gewonnen hat. Seit 2006 schreibt die Stiftung Kunst, Kultur und Soziales der Sparda-Bank den mit 100.000 Euro dotierten Wettbewerb aus, dem es darum zu tun ist, städtischem Raum Profil zu geben und Kunst erlebbar zu machen. Bogomir Ecker, Stefan Sous, Guillaume Bijl und Thomas Stricker sind die bisherigen Preisträger. Mit seiner begehbaren Skulptur, die die Stiftung der Stadt am 2. Juli übergeben wird, hat Sailstorfer sich nun einen Platz auf der Sonnenseite ge-sichert. Bleibt zu hoffen, dass es am 2. Juli nicht regnen wird. | K.WEST   

 

HARTMUT UND ICH

Die Romanwelt des Oliver Uschmann auf Haus Nottbeck.

Andauernd fremde Menschen um einen herum, Zank um den Abwasch, Dosenravioli – das Leben in Wohngemeinschaften kann schon nerven. Oliver Uschmann hat mit seinen Geschichten rund um eine amüsant-verschrobene Bochumer WG bereits fünf Bücher gefüllt, die alle Bestseller geworden sind. Auf »Hartmut und ich« folgten u.a. »Wandelgermanen« und »MURP!«. Bis zum 1. August können im Museum für Westfälische Literatur, dem Kulturgut Haus Nottbeck, nicht nur Hartmut-Fans die Welt der Buchreihe hautnah erleben. Für die interaktive Ausstellung »Ab ins Buch!« wurden, gemeinsam mit dem Autor, die Originalschauplätze nachgebaut. So kann man sich in der stilechten Kulisse von Hartmuts Wohn-zimmer fläzen und aus hunderten Trashfilmen und Playstation-Games wählen; im alten Bochumer Horrorkeller auf berüchtigte Artefakte stoßen oder im Rasthof aus »MURP!« Pause machen.

 

Uschmann ist natürlich auch mal selbst vor Ort, sei es für Lesungen oder für eine regelmäßige Sprechstunde, in der er Tipps und Tricks über das Schreiben verrät. Fans und Besucher sind aufgerufen, selbst aktiv zu werden. Schauspieler und Theatergruppen dürfen in den Kulissen drehen, Singer und Songwriter können sich für den Konzerttag »Ich bin eine Band« bewerben; Schreibende für den Literaturwettbewerb »Hartmut und Du«. Zudem können die Gäste auf einer Wunschwand Vorschläge für die weiteren Romane hinterlassen. | K.WEST  

www.kulturgut-nottbeck.de

 

MUSIKGARTEN

Festival »Trompetenbaum und Geigenfeige« in Münster und Umgebung

»Trompetenbaum und Geigenfeige« – das ist nicht nur Musik in des Gärtners Ohren. Im Sommer, wenn der Trompetenbaum, der zu den beliebtesten Zierhölzern gehört, üppig blüht, zieht es bekanntlich auch die Musikanten ins Freie. Im Münsterland beginnt die grüne Festivalsaison am 12. Juni. Dann verwandeln die Kreise Borken, Coesfeld, Steinfurt und Warendorf zusammen mit Münster Landschaftsparks, Nutz- und Barockgärten in Konzertarenen. Von Klassik bis Rock stehen bei meist freiem Eintritt bis zum 12. September vornehmlich Künstler aus der Region auf dem Programm. Am 7. und 29. August wagt das Festival »Trompetenbaum und Geigenfeige« in seinem dritten Jahr erstmals auch den Sprung über die Grenze in die Niederlande; am 8. August ist man am Niederrhein auf Schloss Gartrop in Hünxe im Kreis Wesel zu Gast. Im Münsterland werden u.a. der Salinenpark Rheine, der Skulpturengarten Ammann in Billerbeck, Schloss Nordkirchen – nicht zu Unrecht bekannt auch unter dem Beinamen »Westfälisches Versailles« – oder die Renaissance-Burg Lüdinghausen bespielt. | K.WEST    

www.trompetenbaum-geigenfeige.eu

© K.WEST

 

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